Ewigkeit
Ausschnitt aus dem Buch "Du fehlst
mir, Du fehlst mir!" von Peter Pohl & Kinna Gieth
von der HP www.annaoeynhausen.de
Es war einmal eine sehr, sehr
alte Seele, die sehr, sehr viele Menschenleben auf der Erde gelebt hatte und
deren Dasein als Seele jetzt ebenfalls fast zu Ende war, ja, bald würde sie mit
der EWIGKEIT verschmelzen und ein Teil davon werden.
Im Augenblick saß die alte Seele in der Leere zwischen ihrem letzten
Menschenleben und ihrer künftigen VERSCHMELZUNG und fühlte sich ein wenig
einsam. Ihre besten Freunde waren auf und davon, die alte Seele konnte sie
unten auf der Erde sehen, wie jede von ihnen einen Menschen mit Eifer, Neugier
und Staunen und den verschiedensten Gedanken erfüllte.
Ich will dorthin, sagte die alte Seele. Ich habe immer noch eine ordentliche
Portion Freude übrig. Ich will dorthin und sie ihnen schenken.
Aber die Zeit, die dir vor der VERSCHMELZUNG bleibt, ist so kurz, warnte der
WÄCHTER. Natürlich kannst du ihnen Freude schenken, aber wenn du nur so kurze
Zeit bei ihnen bleibst, schenkst du ihnen zugleich eine große Trauer, wenn du
sie verlässt.
Ich weiß, sagte die alte Seele. Aber ich will es trotzdem, Ich will ihnen so
viel Freude schenken, dass sie ihnen danach über die Trauer hinweghilft.
Dann soll es so sein, wie du willst, sagte der WÄCHTER und schickte die sehr,
sehr alte Seele los.
Daraufhin bekamen ein Mann und eine Frau auf der Erde ein Kind, das sie sich
schon lange gewünscht hatten. Es war ein allerliebstes Kind, das ihnen vom Tag
seiner Geburt an Freude bereitete, jene ungetrübte Freude, die die Menschen
empfinden, wenn ihre Seelen einander begegnen und sich voller Entzücken aus der
EWIGKEIT wiedererkennen.
Aber bleibt dir nicht nur wenig Zeit? flüsterte die Seele der Mutter der alten
Seele in dem kleinen Mädchen zu.
Die Zeit ist kurz, aber die Freude ist groß, antwortete die alte Seele.
Und obwohl die Mutter dieses Gespräch nicht hörte, weckte das Geflüster eine
ahnungsvolle Unruhe in ihr, einen Hauch des Wissens, dass wir nichts auf der
Erde besitzen, einer den anderen nicht und nicht einmal uns selbst. Alles wird
uns schließlich genommen werden, alles, was wir mit uns tragen, alle Lieben um
uns herum, schließlich auch unser Leben und unser Körper.
Aber das Mädchen wuchs heran, und die Freude, die es verbreitete, war so groß,
dass die Mutter diese Gedanken vergaß. Und der Vater freute sich ebenfalls. Ja,
die sehr alte Seele durfte ihre letzte Zeit genauso verbringen, wie sie es sich
gewünscht hatte.
Aber die Zeit war kurz, auch nach menschlichem Maß war sie kurz, und der
Augenblick kam, da die VERSCHMELZUNG stattfinden würde. Die sehr, sehr alte
Seele erhielt den Ruf, dass sie sich unverzüglich zur Zeremonie einfinden
solle, und musste gehorchen.
Für die Menschen sah es so aus, als hätte ein plötzlicher Tod das Mädchen
ereilt. Ihre Trauer war maßlos, genau wie der WÄCHTER es vorhergesagt hatte.
Und wo man früher die sehr, sehr alten Seelen ihr letztes Häppchen Zeit einfach
in der Leere hat absitzen lassen, bürgerte sich von nun an in der EWIGKEIT die
Sitte ein, dass die alten Seelen zu Menschen, die sie brauchten , geschickt
wurden, um ihnen ihre letzte große Freude zu schenken. Die Freude gibt den
Menschen die Kraft, die anschließende Trauer, die unausweichliche Trauer, zu
ertragen und allmählich in etwas Gutes zu verwandeln.